Die im Laufe des 20. Jahrhunderts entstandene methodologische Debatte über den Prozess der Eliminatio codicum descriptorum hat ihre ganze Komplexität offenbart. Während die Diskussion noch andauert und häufig zwischen formalistischen und historistischen Ansätzen unterscheidet, sind bestimmte Praktiken, die die Verlagsgepflogenheiten des 19. Jahrhunderts prägten, inzwischen theoretisch vollständig verworfen worden. Infolgedessen wurde die Verwendung des Ausdrucks „Codex deterior” zur Definition des Werts eines Manuskriptzeugnisses auf der Grundlage seiner intrinsischen Eigenschaften durch Formulierungen wie „Codex inutilis” oder „abhängiges Zeugnis” ersetzt. Letztere beruhen auf nachweisbaren Beziehungen zwischen Zeugen. Dennoch finden sich in neueren Ausgaben mittelalterlicher lateinischer Texte noch immer einige veraltete Methoden. Dies ist einerseits auf die Herausforderungen zurückzuführen, die besonders komplexe Textüberlieferungen mit sich bringen, und andererseits auf die Zurückhaltung bei der Umsetzung innovativer Lösungen. Die Reflexion zu diesem Thema stützt sich auf zwei Fallstudien, die gewisse Mängel bei der Interpretation der Handschriftentradition sowie bei der Anwendung wirksamer und korrekter redaktioneller Kriterien aufzeigen. Die betrachteten Werke sind Walafrid Strabos „Visio Wettini” und Petrarcas „Variae”.

Die mittellateinische Philologie zu dem Begriff ‘Codex/Recensio deterior’: Einige Überlegungen zur eliminatio codicum descriptorum auf der Grundlage von Walahfrid Strabos Visio Wettini und Petrarcas Variae

Roberto Gamberini
2025-01-01

Abstract

Die im Laufe des 20. Jahrhunderts entstandene methodologische Debatte über den Prozess der Eliminatio codicum descriptorum hat ihre ganze Komplexität offenbart. Während die Diskussion noch andauert und häufig zwischen formalistischen und historistischen Ansätzen unterscheidet, sind bestimmte Praktiken, die die Verlagsgepflogenheiten des 19. Jahrhunderts prägten, inzwischen theoretisch vollständig verworfen worden. Infolgedessen wurde die Verwendung des Ausdrucks „Codex deterior” zur Definition des Werts eines Manuskriptzeugnisses auf der Grundlage seiner intrinsischen Eigenschaften durch Formulierungen wie „Codex inutilis” oder „abhängiges Zeugnis” ersetzt. Letztere beruhen auf nachweisbaren Beziehungen zwischen Zeugen. Dennoch finden sich in neueren Ausgaben mittelalterlicher lateinischer Texte noch immer einige veraltete Methoden. Dies ist einerseits auf die Herausforderungen zurückzuführen, die besonders komplexe Textüberlieferungen mit sich bringen, und andererseits auf die Zurückhaltung bei der Umsetzung innovativer Lösungen. Die Reflexion zu diesem Thema stützt sich auf zwei Fallstudien, die gewisse Mängel bei der Interpretation der Handschriftentradition sowie bei der Anwendung wirksamer und korrekter redaktioneller Kriterien aufzeigen. Die betrachteten Werke sind Walafrid Strabos „Visio Wettini” und Petrarcas „Variae”.
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